Twonstiges

Älter werden in Tübingen

Woran man merkt, dass man älter, aber nicht alt wird.

Bevor ich zum Studieren nach Tübingen kam, war meine Schwester schon hier, um das gleiche zu tun. Wir haben ein sehr gutes Verhältnis, so dass dazu kam, dass ich schon mit knapp 17 Jahren regelmäßig in dieser wunderbaren Stadt aufhielt und mich auch gleich in sie verliebte. Ich war damals immer die kleine, die jüngste in der Gruppe. Und dieses Gefühl hatte ich wunderbare 3 Jahre immer, bis ich selber hierherzog, um zu studieren.

Und da ging erst das richtige Lernen für mich los: Ich dachte, wenn man älter wird, wird das auch leichter mit den Jungs. Ich empfand Tübingen als offen und nicht so sexuell geladen, wie in der Pubertät. Soll heißen: Nicht gleich alles wird als Anmache interpretiert, sondern man ist hier mal „einfach nett“ und die Menschen möchten untereinander einfach neue Kontakte schließen, sich kennenlernen und ein wenig Spass zusammen haben. Ich bekam schnell mitgeteilt, dass dem nicht so ist… „Chrisi, mit netten Leuten geht man mittags einen Kaffee trinken, nur Dates wollen mit Dir ins Kino.“ „Wie, Du hast Dich von dem massieren lassen und jetzt nervt er Dich? Stehst Du auf den? Nein? Warum hast Du das dann machen lassen? Achsooo, Du hattest Rückenschmerzen?! Na dann…“

Ich gebe zu, ich war naiv, teilweise leider auch zu den falschen Zeitpunkten, aber ich gehöre einfach zu dem Typ Frau (so scheint es), die den Mann gerne machen lassen, den „aktiven Part“ gerne abgibt und sich dabei aber auch noch die Türe aufhalten lässt. Denn eins weiß ich: Männer müssen Männer bleiben dürfen. Meine Schwester meinte einst, dass es schwer ist, als Mann an mich ranzukommen, da ich selbstbewusst auftrete und eher einschüchtere, als dass ich einladend wirke.

Aber das änderte sich bald, trotz oder vielleicht gerade wegen sichtbarer Tätowierungen, die quantitativ gesehen in Berlin nichts, in Tübingen dafür beeindruckend wirken. Und auf einmal kennen einen soviele Leute. Gewollt oder auch nicht. Und natürlich der Gastronomie-Effekt, der sich ergibt, wenn man in ein, zwei Gastronomien gearbeitet hat. Da heißt es nicht mehr „Hallo, wer bist Du…?“, sondern „Bist Du nicht aus…?“. Nach einigen Jahren kommt zu letzterer Frage dann auch noch „Warst Du nicht gestern im…?“ und schon muss man sich die Frage stellen: Ist Tübingen nicht vielleicht doch ein wenig zu klein für mich? Ist ein Ortswechsel mal wieder nötig? Und da ist es auch schon: Das Älter (aber nicht alt!) werden in Tübingen.

Weitere Indizien, die dafür sprechen, treten dann ein…

…wenn man nicht mehr gefragt wird, was man studiert, sondern, was man in einer Studentenstadt so macht.

…wenn gelacht wird, bei der Antwort des Alters mit „Ich bin Anfang 20.“.

…wenn man beim nach Uhrzeit fragen gesiezt wird.

…wenn jüngere Männer die Betonung darauf legen, dass sie „nicht so erfahren sind wie Du“.

…und spätestens dann, wenn man nach der Frage des Alter nur noch als Antwort bekommt: „Egal, was ich jetzt sagen werde, ich bin auf jedenfall jünger als Du.“

…aber auch, wenn das Alter der Dich umschwirrenden Männer auf einmal definitiv mit einer 3 anfängt.

Und bei Euch so?